Rückblick

„America in NI“ mit Gershwin, Glass und Bernstein


Ein gelungenes Experiment -


Gershwin, Glass und Bernstein gaben die kompositorisch anspruchsvolle Mischung, die Kantor Christian Scheel  dem Sommerkonzert von Nienburger Kantorei und Nienburger Kammerorchester verordnet hatte. „America in NI“ war der sprechende Titel. Damit waren zum einen drei US-amerikanische Komponisten höchsten Ranges genannt, die sehr wohl ihre Forderungen an Sänger wie Instrumentalisten stellen, zum anderen die 20jährige Städtepartnerschaft Nienburg – Las Cruces, die mit diesem Konzertabend musikalisch gefeiert wurde.

 

Der Aufbau war klug gewählt. Georg Gershwins Rhapsody in Blue, eine seiner bekanntesten Kompositionen, hatte Christian Scheel an den Anfang gestellt. Im eigenen Arrangement hat er Gershwins Jazz und konzertante Sinfonik, kontrastierende Rhythmik und Vielfarbigkeit zur  kleinen Besetzung gebunden. Ein kammermusikalisches Experiment, das der Kantor vom Flügel aus leitete, seinen gehaltvoll virtuosen Part prächtig meisternd, dabei stets partnerschaftlich in der Korrespondenz mit seinen Musikern. Geiger Michael Nestler, Gast aus Hamburg, der im weiteren Konzertverlauf ebenfalls solistische Aufgaben übernahm, zeigte sich wieder einmal in Bestform,  hatte aber als einziger Streicher keinen allzu leichten Stand gegenüber sechs volltönend mitziehenden Bläsern.

 

Dies und das darauf aufbauende Programm stellte für Nienburgs Musikfreunde in der traditionsreichen Konzertreihe von St. Martin ein absolut neues Hörerlebnis dar. So kann nicht nur  der anspruchsvolle Auftakt zum Sommerkonzert, sondern auch „America in NI“ insgesamt als  Experiment bezeichnet werden. Würde sich das Publikum darauf einlassen? Würde es gelingen? Zur städtepartnerschaftlichen Gästeriege aus Las Cruces gesellte sich jetzt Gershwins bekanntester US-Bürger „An American in Paris“.  Mit einem weiteren Arrangement hat Christian Scheel diese raumgreifende Tondichtung auf  das Nienburger Kammerorchester zurechtgeschnitten, erweitert um hannoversche Bläser und Schlagwerker. Dennoch blieben die hohen Anforderungen an das Orchester bestehen, das zum überwiegenden Teil mit begeisterten Laienmusikern besetzt ist. Unter Scheels engagierter Leitung meisterten Musikerinnen und Musiker mit viel Spielfreude und hoher Konzentration die themen- und farbenreiche, rhythmisch und dynamisch aufgeladene Komposition, in der Taxihupen die musikalischen Bilder witzig schrill befetzen.

 

Spannung im besten Sinn war angesagt mit Philip Glass, einem der wichtigsten amerikanischen Komponisten der Jetztzeit. Aus dessen faszinierender Oper „Einstein on the Beach“ hatte Christian Scheel „Knee Play 1“ gewählt, eines jener so genannten Knee Plays, die sowohl zwischen den Akten  als auch am Beginn und Ende von „Einstein on the Beach“ raffinierte Verbindungsglieder sind. Auf einer elektronisch gezogenen Basslinie entwickelte die Nienburger Kantorei  Glass’ gesungenes Zahlenwerk von „one“ bis „eight“ zum cool getakteten Zeitmesser. Die scheinbare  Endlosschleife von Wiederholungen und Kurzpausen-Akzenten fordert höchste Aufmerksamkeit  von Sängerinnen und Sängern. Die ließen sich mit Hingabe auf das metrische Intermezzo ein, und so erhielt Glass’ vertracktes Zahlenspiel unter wachsamer Führung fast meditativen Charakter. 

 

Beste Einstimmung auf Leonard Bernsteins gewaltige Chichester Psalms. Ein dreiteiliges Chorwerk, dessen original hebräische Bibeltexte für den Chor und das gewichtige Instrumentarium mit Streichern, reichem Bläsersatz, vier Pauken und zwei solistisch besetzten Harfen enorme Aufgaben stellen. Bernsteins hoher Anspruch an chorische und instrumentale Präsenz (Knabensolist Lukas Reinke gefiel mit reinem und klanglich schönem Sopran) wurde mit viel Interpretationsfreude entsprochen. Ein eindrucksvoller Schlussakkord dieses besonderen Sommerkonzerts, in dem Jubel und Beklemmung, Unruhe und Entrücktheit, Ekstase und Schlichtheit sich in spannender Gegensätzlichkeit ihren Raum nahmen.

 

Viel Beifall für „America in NI“. Ein Experiment. Gelungen.         TONKA ANGHELOFF