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Platt in St. Martin

Erstellt am Donnerstag, 25. Februar 2016 14:12

Das hat es wohl an St. Martin noch nicht gegeben – einen Gottesdienst in unserer ursprünglichen „norddeutschen Sprache“, dem Plattdeutschen. Sie gibt es immer wieder auf den Dörfern, diese plattdeutschen Gottesdienste, sind oft auf gern gesehen, aber hier in der Stadt eine Seltenheit. Es ist Neuland auf das sich Pastor Logemann wagt, und mit einem Lächeln schaut er gelassen auf den anstehenden Gottesdienst am 28.02.2016: „Ich muss da auch noch allerhand lernen“ sagt er, „wissen Sie, ‚min Fadder‘ hat ja nur mit seinen Geschwistern und mit seiner Doppelkopf-Runde Platt gesprochen, aber mit uns als Familie eben nur Hochdeutsch. Ich verstehe platt, aber „snacken“ muss ich auch noch erst lernen.“

Die Erfahrung unseres Stadtpastors teilen nicht wenige Leute. In den Nachkriegsjahren war das Plattdeutsche nicht gern gehört, so dass es mehr und mehr aus dem Alltag gedrängt wurde. So manch ein Schüler mag sich vielleicht selbst noch daran erinnern, wie in der Schule darauf hingewiesen worden ist, dass „man hier nicht Platt, sondern Deutsch“ spricht. Diese allgemeine Haltung hatte aber fatale Folgen für eines unserer identitätsstiftenden Kulturgüter Norddeutschlands.

War zur Zeit der Hanse „Plattdeutsch“ in Norddeutschland nicht nur die wichtigste gesprochene Sprache, sondern auch eine angesehene Schriftsprache, so ist sie mit der Zeit zu einer Minderheitensprache geworden. Die wenigsten sind sich dessen bewusst, dass Plattdeutsch damals dabei war sich als eigenständige Sprache, ähnlich dem Niederländischen, zu entwickeln. Mit dem Niedergang der Hanse ging jedoch ein Wechsel zum Hochdeutschen einher, so dass das Plattdeutsche an Bedeutung verlor.

„Aus meiner Sicht ist es auch Aufgabe der Kirche Kultur zu vermitteln und Identität zu stiften. Was wir musikalisch und bildlich können, müssten wir doch auch sprachlich hinbekommen“, führt der Pastor an. „Gerade weil das Plattdeutsche doch einen Teil der regionalen Identität Niedersachsens darstellt.“ Manch einer mag darüber Lächeln, aber so falsch liegt der Pastor von St. Martin hier nicht. Denn es ist ja nicht ohne Grund, dass das Land Niedersachsen bereits 1999 die Europäische Charta für Regional- oder Minderheitensprachen unterzeichnete. Das Ziel dieser Charta ist es, die Sprachvielfalt zu bewahren, zu stärken und mit neuem Leben zu füllen. Das Plattdeutsche wird dabei als juristisch eigenständige Sprache anerkannt, so dass es den Status einer Regionalsprache trägt. Manch einer mag staunen, wenn man sich bewusst macht, dass der Gebrauch des Plattdeutschen nicht mehr nur auf den privaten, schulischen und kulturellen Bildungsbereich beschränkt, sondern grundsätzlich auch in zivil-, straf- und verwaltungsrechtlichen Angelegenheiten möglich ist.

„Wenn das Land Niedersachsen die hohe kulturelle und kulturgeschichtliche Bedeutung der plattdeutschen Sprache für Niedersachsen sowie den gesamten norddeutschen Raum anerkennt, dann sollten wir als Kirche uns diesem Kulturgut nicht verschließen, sondern auch unseren Beitrag dazu leisten, dass diese Regionalsprache erhalten bleibt“, konkludiert Pastor Logemann. So reiht sich St. Martin mit diesem Gottesdienst mit ein in die vielen anderen Bemühungen in und um Nienburg herum, dem Plattdeutschen seinen wohlverdienten Platz einzuräumen und kirchlich gesehen „tohoop dat Evangelium in de nedderdüütschen Munaarten ünner de Lüüd to bringen, so as se se snacken un verstohn deit“. In diesem Sinne heißt es wohl „jümmer nach vorne kieken“, so wie das Thema des Gottesdienstes auch heißt, durch den Pastor Gaatz mit seinem Team führt, und Pastor Logemann zum ersten „mal opp platt snacken deit“.

Plattdeutscher Gottesdienst am 28.02.2016