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Assisis „Sonnengesang“ in der Vertonung von Christian Scheel - Uraufführung 2015

Von Vielfalt und Farbigkeit inspiriert
Assisis „Sonnengesang“ in der Vertonung von Christian Scheel: Uraufführung in Nienburg

Er ist ein Text, der zur Weltliteratur zählt: Franz von Assisis einzigartiger, tief berührender „Sonnengesang“, Lobgesang auf Gott und die Schöpfung. Über die Jahrhunderte hat dieser Text  Schriftsteller wie Komponisten gleichermaßen fasziniert und inspiriert.

Sonnengesang

Als kompositorisch raumgreifendes und vielgestaltiges 70-Minuten-Werk für drei Chöre, Kammerorchester und Jazz-Ensemble hat der Nienburger Kantor, Komponist und Dirigent Christian Scheel seinen „Sonnengesang“ jetzt in Nienburgs Kirche St. Martin vor begeistertem Publikum uraufgeführt. Und damit die altitalienischen Strophen des Heiligen Franziskus aus dem Jahr 1224 in deutscher Sprache neu ins Bewusstsein gerufen, in der ihm eigenen Art der musikalischen Auseinandersetzung.

Schon lange hatte Christian Scheel  nach einem geeigneten Text für seine Vertonung gesucht. Im vergangenen Jahr wurde es für ihn zur Gewissheit: Kein anderer würde für ihn inspirierender sein als die intensive, bilderreiche Sprache von Franz von Assisis „Sonnengesang“. Ein Text, zeitlos, vielgestaltig und hochaktuell, der große Farbigkeit in sich trägt. „Eine  Farbigkeit, die sich in der Geschlossenheit der zehn Strophen musikalisch hochwirksam entfalten kann und muss“, nennt Christian Scheel seine Faszination.

Die Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus zum Pfingstfest 2015 wurde für ihn zur Bestätigung seiner Arbeit. Immer wieder nimmt der Papst auf den „Sonnengesang“ Bezug, auf den Lobpreis der Schöpfung, ihre Kostbarkeit, ihre Bewahrung, wenn er mit deutlichen Worten die permanente Überbeanspruchung unseres Planeten feststellt und die Menschen der Welt zur Abkehr vom Streben nach ständigem Wachstum auffordert.

Vom jeweiligen Textgedanken inspiriert, schöpft Christian Scheel Klanglichkeit aus der bildhaften Kraft jeder einzelnen Strophe, vollzieht die musikalische Entwicklung sowohl im Besonderen der einzelnen (Text-)Strophen als auch in ihrer Verbindung untereinander, primär dabei die Frage der Farbgestaltung von Chören  und  Instrumentalisten, der Charakteristika von Tonarten und Tempi aufwerfend.

Alle zehn Sätze folgen genau diesen Strophen. Geordnet nach einem  Plan der Tonarten, fügen sich Anfang und Ende in einen musikalischen Lebenskreis, in dem die Themen Krankheit und Tod von besonderer Ausprägung sind. Umschlossen von der Gott lobpreisenden ersten („Höchster, allmächtiger guter Herr...“) und letzten Strophe („Lobt und preist meinen Herrn...“), beide in G-Dur, ist es der Todesgedanke der neunten Strophe, mit der sich der Komponist, in cis-moll, am weitesten vom Anfangs- und Endpunkt entfernt. „Gott selbst durch den Tod zu loben, braucht einen besonderen Platz, ihm muss breiter Raum gegeben werden“, sagt Christian Scheel. Diesen unumkehrbaren Stillstand einzufügen in das Gotteslob, gehöre zum Leben und damit zu seinem Werk: „Es schließt den Kreis, es lässt die Frage nach der Unerbittlichkeit des Todes sich entfalten, und erst am Schluss, ganz spät, zeigt sich doch ein Hoffnungsschimmer.“ Hierhin hat er eine Fuge gesetzt, die sich in hoher Intensität um diese Endphase  rankt.

Insbesondere  an dieser Stelle, in dieser fordernden Übersetzung und Ausformung in Musik, zeigt sich die stets spürbare, intensive Auseinandersetzung des Komponisten mit dem Text. Sein Anspruch aber gilt der Gesamtheit, der Geschlossenheit des Werkes. Jeder der zehn Sätze sucht seine Stimmung in „seiner“ Strophe.  Dazu zählen insbesondere auch die Reinheit, das kindliche Staunen, mit denen Franz von Assisi „... Schwester Mond und die Sterne...“ und „... unsere Schwester, Mutter Erde...“ rühmt und denen der Komponist mit der klaren Reinheit von Kinderstimmen eine eigene, besondere  Klangfarbe gibt.

Es ist der Kinderchor St. Martin Nienburg, der diese Aufgabe in der Uraufführung mit Hingabe meisterte. Sensibel fügte er sich in die sangliche Komplexität der Nienburger Kantorei und die lebensvolle  Gestaltung des Gospelchors Loccum (Einstudierung Michael Merkel). Eindrucksvoll, wie Christian Scheel am Dirigentenpult diese gegensätzlich raumgreifenden, mitunter drängenden  Chorelemente zur aussagestarken harmonischen Einheit fügte. Die zuverlässige Streicherbasis des hochkonzentrierten Nienburger Kammerorchesters erhielt ihren zündenden Kontrapunkt durch ein Ensemble hannoverscher Jazzmusiker. Bläser und Percussionisten wirkten spontan und unmittelbar in Werktreue und Improvisation. Leidenschaftlicher Farbenreichtum ergoss sich voller Intensität und zündender Rhythmik, wirkungsvoll und souverän im kompositorischen wie interpretatorischen Komplex.

Auch hier, in diesen Momenten voller Emphase, war der hinterfragende Blick des Komponisten stets präsent, sein Blick aufs Ganze. Seine Fähigkeit, mit dem „Sonnengesang“ Musiker wie Hörer zu begeistern, trifft mit dem Begriff Popularmusik nur annähernd seine Intention und  keineswegs den Kern seiner musikalischen Aussage. Die Lust an der Kreativität ist der Schlüssel. Er schließt die Tür auf zu einer positiv gestimmten Klangsprache, einer persönlichen Tonsprache, einer ureigenen Tonschöpfung. Und so erhebt diese gehaltvolle Mischung aus Jazz und Klassik, ihr kompositorischer Aufbau, ihre Ernsthaftigkeit,  den Anspruch auf anspruchsvolle Musik, die Musiker, Dirigent und Hörer gleichermaßen fordert.

Bleibt zu wünschen, dass dieser Uraufführung des „Sonnengesang“ von Christian Scheel weitere Aufführungen folgen mögen.
 
                                                                         TONKA ANGHELOFF